AWO sieht Frauenrechte wieder vermehrt in Gefahr

Zum Internationalen Weltfrauentag am 8. März 2020

Kiel. Als erste Frau hielt Marie Juchacz, die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt, im Jahr 1919 eine Rede in einem deutschen Parlament und setzte sich für Frauenrechte ein. Seither ist der Kampf für eine geschlechtergerechte Gesellschaft Teil der Geschichte der AWO. „In dieser langen Zeit ist zwar viel passiert – trotzdem sind die Forderungen nach einem selbstbestimmten, gewaltfreien und ökonomisch abgesicherten Leben sowie nach gleichberechtigter Teilhabe an der Gestaltung der Gesellschaft für alle Frauen auch heute nicht zufriedenstellend erreicht. Wir erleben vielmehr wieder eine rückwärtsgewandte Entwicklung. Zum Internationalen Weltfrauentag zeigt sich, bereits erkämpfte Rechte sind keine Selbstverständlichkeit“, sagt die stellv. Vorsitzende des AWO Präsidiums Gesa Langfeldt.

Ob mangelnde Lohngerechtigkeit, Gewalt, Diskriminierung oder die Selbstbestimmung über den eigenen Körper, Themen die Frauen betreffen, werden in den vergangenen Jahren zum Teil gezielt politisch instrumentalisiert. „Durch ein Erstarken rechter Parteien und deren Ansichten sehen wir heute die Frauenrechte wieder vermehrt in Gefahr. Frauen sind in vielen Ländern noch heute vom öffentlichen Leben ausgeschlossen und sind immer wieder von massiver Gewalt bedroht. Viele Frauen werden gleich mehrfach diskriminiert, wegen ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Das dürfen wir als moderne Gesellschaft nicht akzeptieren“, so Langfeldt weiter.

Gewalt bleibt ein großes Problem

Deutschland hat das Übereinkommen des Europarats zur sogenannten Istanbul-Konvention ratifiziert. Damit ist sie seit 2018 rechtlich bindend. Sie verfolgt die Ziele, einen umfassenden Ansatz zur Bekämpfung jedweder Form von geschlechtsspezifischer Gewalt und Diskriminierung zu gewährleisten, die zu körperlichen, sexuellen, psychischen oder wirtschaftlichen Schäden oder Leiden bei Frauen führen. Dennoch wurden 2018 knapp 139.000 Menschen in Deutschland Opfer sogenannter Partnerschaftsgewalt (Mord und Totschlag, Körperverletzungen, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Bedrohung, Stalking, psychische Nötigung, Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Zwangsprostitution), darunter 82,1 % Frauen. Gleichzeitig konnten 4.000 Frauen im Jahr 2018 in Schleswig-Holstein sowie bundesweit 13.000 Betroffenen kein Platz in einem Frauenhaus vermittelt werden. Seit Jahren müssen Frauenhäuser mehr Betroffene wegschicken, als sie aufnehmen.

Frauen leisten Care-Arbeit

Auch die Care-Arbeit wird immer noch zum Großteil von Frauen geleistet. Care-Arbeit oder Pflegearbeit bezeichnet Tätigkeiten des Pflegens und Sich-Kümmerns. Ob Kindererziehung, Haushalt oder Pflege - Frauen leisten in Deutschland durchschnittlich 52,8 Prozent mehr unbezahlte Care-Arbeit im privaten Bereich als Männer. „Das gesellschaftliche Zusammenleben würde ohne die Care-Arbeit nicht funktionieren. Das ist allen klar. Trotzdem erfährt sie in unserer Gesellschaft viel zu wenig Anerkennung. Nicht zuletzt durch die nicht vorhandene oder geringe Entlohnung“, sagt die stellv. Vorsitzende des AWO Präsidiums Gesa Langfeldt.

Heutzutage zählt jede*r Fünfte zu den atypisch Beschäftigten, die in Teilzeit mit 20 oder weniger Wochenstunden tätig sind, geringfügig oder befristet arbeiten oder nur einen Zeitvertrag haben. Dies trifft aufgrund der geleisteten Care-Arbeit überproportional häufig Frauen, wodurch diese auch ein höheres Risiko für spätere Altersarmut aufweisen. Hinzu kommt der Gender Pay Gap (= geschlechtsspezifisches Lohngefälle) d.h. der prozentuale Anteil, den Frauen in Deutschland im Durchschnitt pro Arbeitsstunde weniger verdienen als Männer. Dieser lag in Deutschland 2020 bei 21% und damit deutlich über dem europäischen Durchschnittswert (16,2 %).

Gemeinsam mit dem Jungen Frauenbündnis und der Anlaufstelle Nachbarschaft Gaarden gestaltet die AWO Kiel am 8. März 2020 die Feierlichkeiten am Weltfrauentag auf dem Gelände der Räucherei. Hier gibt es weitere Infos dazu.